Ohngesicht

Die Montage waren am einfachsten. An einem Montagmorgen trübt die Melancholie des verloren gegangenen Wochenendes die Gemüter ein, so dass keiner auf den anderen mehr achtgab, als es unbedingt nötig war. Am ersten Arbeitstag der Woche war er daher annähernd unsichtbar. Sein Montagsgesicht war probat, er trug noch ein paar Augenringe auf und war damit bestens gekleidet.
Die anderen Wochentage waren da schon schwieriger.
An einem Dienstag schlurfte er ins Badezimmer und zögerte, das Licht anzuknipsen. Im Halbdunkel starrte er in den Spiegel auf die fast formlosen Konturen seines Gesichtes und seufzte. Wenn er Licht machte, würde sich an seinem Anblick kaum etwas ändern, ja er war überzeugt, dass jegliche Veränderung nur seiner Einbildung entsprang. Nicht umsonst hatte er neben seinem Montagsgesicht ein schier unerschöpfliches Repertoire an Minen, Masken und Fratzen – er hatte schlichtweg kein eigenes Gesicht.
Er zog an der kleinen Lampenkette über dem Spiegel und betrachtete im Sirren der Neonröhre sein Antlitz. Wie ein leergefegter Platz an einem Februarnachmittag lag es da. Nicht einmal Brauen wuchsen über den Augenhöhlen, in denen sich zwei schwarz polierte Kreisel langsam zu drehen schienen und so den Eindruck von Lebendigkeit erweckten. Eine Nase fehlte ihm ganz, und sein lippenloser Mund wirkte wie eine Kerbe in einem ungebackenen Brotlaib.
Seufzend überlegte er, was diesem Dienstag wohl anstand. Was würden die anderen von ihm erwarten? Was würde sie überzeugen?
Seit er ein Kind war, stellte er sich diese Fragen, Tag um Tag. Für seine Mutter trug er ein Leuchten im Auge, für seinen Vater den Ernst im Gesicht. Für seine Kollegen packte er oft einen ganzen Beutel Grinslippen ein: eines für das Guten-Morgen im Fahrstuhl, eines für die Sekretärin seines Chefs und noch ein paar für die dreckigen Witze seiner Kollegen.
Aber heute fühlte er sich nicht so gut, war unsicherer als sonst, was seine Mimik betraf. Er kämmte das Haar zurück und versuchte es mit dem braven Angestellten, der ging immer. Scheitelfrisur, nussbraune Augen, glattrasierter Büroteint. Nicht unzufrieden betrachtete er sich im Spiegel. Die Nase ein klein wenig breiter formend bemerkte er, dass sich die Maske an den Schläfen löste. Entsetzt sah er zu, wie sich die Haftung mit einem leisen Plopp verabschiedete und ihm sein Kunstwerk entglitt. Das war ihm schon lange nicht mehr passiert.
In welche Hülle sollte er diesen verflixten Dienstag nur einpacken? Der nette Kollege war ausgebleicht, den Arschkriecher musste er erst einweichen, um ihn gründlich zu reinigen und der Bürohengst stand ihm heute nicht. Wütend donnerte seine Faust gegen die Wand, dann sank er auf den Rand der Badewanne. Mit tiefen Atemzügen suchte er nach der nötigen inneren Ruhe, um eine Lösung zu finden. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht. Seufzend stellte er sich wieder vor den Spiegel und starrte in die Leere seines Abbildes. So konnte er nicht unter Menschen, ihm fehlte ein Gesicht. Keine Maske, kein Visier – ein eigener Ausdruck.
Plötzlich fürchtete er sich. Er hatte nie etwas Eigenes besessen. Er hatte nur seine Mienen, aber je intensiver er überlegte, welche er tragen sollte, desto blasser wurden sie – ja, durchscheinend.
An diesem Dienstagmorgen betrat er schließlich als Ohngesicht die Straße und reihte sich mit gesenktem Blick in die Kolonne der Arbeitspendler ein. Keiner schien besondere Notiz von ihm zu nehmen, so dass er es nach einer Weile wagte aufzuschauen. Sah er da im zähen Malstrom etwa blasse Gestalten – so wie er eine war? Im Foyer seines Bürohauses begrüßte ihn die Empfangsdame wie jeden Morgen – nur heute sah er, dass alles an ihr aufgesetzt war. Je mehr er seinen Blick schärfte, desto deutlicher nahm er wahr, dass ihnen allen mehr oder weniger ein Gesicht fehlte.
Aufgeregt stürmte er in das Herrenklo, um sich Wasser ins Gesicht zu spritzen – und blickte auf die starre Keramik seines Spiegelbildes. Je länger er es betrachtete, desto fremder, maskenartiger wirkte es.
Er trat näher an den Spiegel und dann - mit einem leisen Knacken – zeigten sich feine Risse in der Glasur.

 

©Ardy K. Myrne, Abdruck mit freundlicher Genehmigung