Tochter der Sonne

oder: Wie sind eigentlich die Nasca-Linien entstanden?

 

von Paula Roose

Ninan presste seinen Rücken gegen den Baum. Er wagte kaum, zu atmen, aus Angst entdeckt zu werden. Nur einen Blick wünschte er sich, einen einzigen Blick auf Ruahua, der Tochter des Sapa Inka.
Seine Gedanken gingen zu jenem Morgen, als der Sonnengott es mit dem Bauerssohn gut gemeint hatte. Es war, als die Tage wieder länger wurden und Ninan völlig unerwartet am Fluss auf die Prinzessin traf. Sie war ihren Wächtern entkommen und watete gedankenverloren durch das Wasser. Er hatte allen Mut zusammengenommen und sie angesprochen. »Ganz allein hier?«, hatte er gefragt. Sie schaute ihn an und lächelte.
Ninan hatte noch nie so tiefbraune Augen gesehen. Da war es um ihn geschehen. Wie ein brodelnder Lavaquell brannte sein Herz, brannte der Wunsch in ihm, sie wiederzusehen. Aber die Wächter würden ihn töten, wenn sie ihn dabei erwischten, dass er eine Prinzessin ansprach.
Jeden Tag lag er hinter den Büschen auf der Lauer, unweit der Stelle, wo er in ihre wunderschönen Augen geblickt hatte. Tag um Tag verging. Ninan gab die Hoffnung nicht auf.
Bis Ruahua wiederkam. Sie schaute direkt zu den Büschen, warf ein zartes Lächeln in seine Richtung, und rührte sich nicht, bis er hinter dem Grün hervorgekrochen kam. Und als er ein zweites Mal in ihre Augen sah, da wusste der Bauerssohn, dass es auch um sie geschehen war. Seine Arme umfassten ihren zierlichen Körper, seine Hände strichen über ihre makellose, braune Haut, weich wie feinste Alpakawolle. Seine Lippen tranken von ihren Lippen.
Eine Prinzessin berühren, darauf stand der Tod. Ninan wäre für jeden einzelnen Kuss seiner Liebsten gestorben. Aber es ging nicht nur um sein Leben. Seine ganze Sippe würden die Wächter von der Klippe stoßen. Ruahua war eine Tochter der Sonne. Ihr Vater wollte sie zur Wintersonnenwende an einen bedeutenden Mann verschenken - so war es Sitte.
Stimmengewirr riss Ninan aus seinen Gedanken. Sein Herz überschlug sich, als er die Prozession mit der Sänfte kommen sah. Vorsichtig lugte er hinter dem Baum hervor. Ruahua trug ein prächtiges Gewand. Auch ihre Augen suchten ihn. Dann trafen sich ihre Blicke, nur einen Wimpernschlag lang.
Eine irrsinnige Idee kroch in Ninans Gedanken. Ein Sapa Inka hatte nur die Götter über sich. Ninan musste etwas schaffen, ein Zeichen der Götter, das den Herrscher daran hinderte, Ruahua zu verschenken. Er war ein einfacher, ungebildeter Bauer, der seine Schuhe ausziehen musste, wenn der Sapa Inka in seine Nähe kam. Aber wie kein anderer konnte er zeichnen. Und er wusste, wie riesengroße Bilder zu zeichnen waren. Er hatte schon ein einziges Lama über die gesamte Weide gemalt mit gerupften Grasbüscheln als Stift. Sein Vater hatte nur den Kopf geschüttelt.
Ninan wartete, bis die Prozession vorüber war. Gleich hinter seinem Dorf lag die Felsenwüste. So schnell er konnte, rannte er dorthin, griff sich einen Stein und begann auf dem Boden Stein gegen Stein zu reiben. Die Zeit drängte.
Gestern Nacht waren am Himmel die Plejaden erschienen. Das war ein gutes Zeichen. Die Götter schauten freundlich herab. Bis zur Wintersonnenwende hatte er noch zwei Wochen Zeit. Dann würden die Priester ihren riesigen Himmelsballon steigen lassen, mitsamt dem Sapa Inka darin. So kam der Herrscher dem Sonnengott nahe, um ihn gnädig zu stimmen.
Ninan bearbeitete den Felsen, bis seine Hände wund waren. Die Sonne brannte auf seinen Schädel. Aber erst wenn die Dunkelheit ihn dazu zwang, ging er nach Hause, um in aller Frühe wieder in der Wüste zu sein.
»Was um alles in der Welt tust du da draußen?«, hatte seine Mutter gefragt. »Dein Vater braucht dich.«
»Ich habe ein Geschenk für die Götter«, hatte Ninan geantwortet.

Das ganze Volk war versammelt, als der Sapa Inka im Himmelsballon aufstieg. Die Priester hielten die schweren Seile. Ruahua trug ein Gewand mit kunstvollen Mustern. Ihren Hals schmückte eine Kette aus purem Gold. Ihre Augen folgten ihrem Vater nicht in den Himmel, sahen ins Leere, traurig wie nie.
Viele der edelgekleideten Männer schauten sie mit lüsternen Blicken an, aber wer sie geschenkt bekommen sollte, wusste der Sapa Inka allein.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Herrscher sich wieder auf den Boden holen ließ. Wie gewöhnlich beriet er sich mit den Priestern. Doch heute wollte die Unterredung nicht enden. Es ging ein ungeduldiges Raunen durch die Menge, als der höchste Priester endlich das Wort ergriff. »Unser mächtiger Sapa Inka möchte den Namen des Malers wissen«, rief er in die Menge.
Ratlose Stille.
»Was meint er?«, fragte ein Mann.
Ninan zitterte.
Doch seine Mutter stieß ihm in die Seite. »Du hast den Priester gehört.«
Mit schweißnassem Hemd löste Ninan sich aus der Menge, schlich nach vorn und zog seine Schuhe aus.
»Du?«, fragte der Priester ungläubig.
Ninan sank auf die Knie und nickte.
»Und was hast du gezeichnet?«
»Einen Kolibri«, antwortete Ninan und wagte nicht aufzusehen.
Der fragende Blick des Priesters ging zum Sapa Inka. Der Herrscher nickte.
»Erhebe dich«, sagte der Priester. »Die Götter haben dein Geschenk angenommen. Die Tochter der Sonne ist dein.«
Ungläubig hob Ninan den Kopf und schaute zu Ruahua. Sie lächelte zart.

Die Nasca-Linien sind riesige Erdbilder in der Nascawüste Perus. Sie stammen aus der Zeit der Azteken, wurden aber erst 1924 entdeckt, als ein Flugzeug darüber flog und jemand aus dem Fenster schaute. Seitdem rätseln Wissenschaftler, wie sie entstanden sind ... (Quelle: Wikipedia)

©2014 Paula Roose