Mein Hörbuchabenteuer.

(Juli 2021)

 

1.  Wie alles begann

Meine Romane als Hörbücher herausbringen. Dieser Wunsch spukte schon lange in meinem Kopf herum, spätestens seit ich selbst in den Genuss eines guten Hörbuchs gekommen war. Aber kann das im Homestudio so gut gelingen, dass das fertige Produkt auf dem Markt konkurrenzfähig ist und der Leser / Hörer Zeit damit verbringen mag? Welches Equipment brauche ich, eignet sich meine Stimme zum Vorlesen, und wie gehe ich die Sache überhaupt an? Diese Fragen standen zu Beginn meines Hörbuchabenteuers wie der Gebirgspass Cebreiro auf dem Spanischen Jakobsweg vor mir und ich beschloss, ihn zu erklimmen. Denn als SPlerin aus Leidenschaft möchte ich es natürlich selbst machen.

 

2.  Aller Anfang ist schwer

Also wie beginnen, wenn man keine Ahnung von Tontechnik und Audiotracks hat, noch nie etwas von wav-Dateien oder Programmen wie Cubase und Ableton gehört hat, sich allenfalls unter Schneiden und Fade etwas vorstellen kann? Informationen suchen war also der Anfang, jedoch zeigte sich schnell, dass eine sonst bewährte Info-Plattform für SPler ein wenig zu optimistisch daherkam. Na ja, aber immerhin hat sie mich dazu ermutigt, anzufangen. Fündig wurde ich unter den eBooks beim großen A und habe erstmal bei einem kostengünstigen Exemplar zugegriffen. Was keine schlechte Wahl war. Ich bekam Infos über das benötigte Equipment, die ersten Schritte und fand eine Investition von ca. 500,- € noch recht überschaubar im Vergleich zum Produzierenlassen.

Angeschafft habe ich:

  • Kondensator-Mikrofon Rode NT 1A mit Popschutz
  • Interface Steinberg UR22mkII
  • Marantz Soundshield
  • Kopfhörer AKG K240 halboffen
  • Cubase AI Software (war beim Interface dabei)
  • Mikrofonständer
  • Notenständer

 

Alles aufbauen, zusammenstecken und Audiosoftware installieren waren noch nicht das Ding, Cubase ließ sich problemlos starten, und dann hörte es auch schon auf. Aufnahmeknopf leuchtete rot, der Curser lief durch, nur eine Aufnahme war nicht zu hören. Der Fehler ließ sich nicht finden, denn Cubase ist leider nicht selbsterklärend und folgte nicht für mich logischen Arbeitsschritten. Als Erste-Hilfe-Maßnahme habe ich Ableton installiert, mit dem sich mein Sohn gut auskennt, und so gelang eine Probeaufnahme, die mich auch gleich vor die nächsten Probleme stellte. Denn gut klingt anders. Und nach zehn Minuten taten mir die Stimmbänder weh.

 

3.  Stimme finden

Ich lese gerne vor und erlebe auch, dass mir gerne zugehört wird, aber reicht das für ein Hörbuch? Mein eigenes Buch zu lesen, heißt, es dem Hörer so zu präsentieren, wie ich es gemeint habe. Ich nehme ihm ein Stück vom Spielraum der eigenen Phantasie, sich Stimmlagen und Betonungen selbst vorzustellen. Dafür muss ich ihm etwas zurückgeben, im besten Fall das gleiche Kopfkino, das er auch beim Lesen haben sollte, nur über einen anderen Kanal, dem Gehör. Und wie vermeide ich japsige Atmer, Schmatzer, eine angestrengt klingende oder überartikulierte Stimme? Praktisch hieß das für mich, mir einen Stimmcoach zu suchen. Ich war schon mal in den Genuss eines Coachings für Lesungen beim SP-Day gekommen. Doch hier es geht nicht nur um Betonung und gut gesetzte Pausen, es gibt feste Ausspracheregeln, die eingehalten werden müssen, damit der Hörer nicht aus seinem Kopfkino geworfen wird. Ich hatte das Glück, dass sich ein professioneller Synchronsprecher in meinem Bekanntenkreis gerade mit seiner „Stimme“ selbstständig gemacht hatte, und mir für ein Coaching einen günstigen Einstiegspreis anbot. Ich konnte also mal ausprobieren, wie weit ich komme.

Neben Ausspracheregeln habe ich von ihm zum Beispiel Folgendes gelernt:

  • Um die Stimmbänder zu entlasten, muss ich die Stimme stützen. Das tue ich, wenn ich langsam ausatme und die Luft mit dem Zwerchfell halte. Dort befindet sich die Stütze.
  • Am besten in meiner natürlichen Tonlage sprechen, meistens liegt man leicht drüber. Um sie zu finden, stelle ich mir etwas Leckeres zu essen vor und sage genussvoll „Mmmmm“. In dieser Tonlage bleibe ich dann.
  • Um zu rufen, werde ich nicht lauter, sondern stelle mir einen Bogen von mir zu dem Punkt vor, wo meine Stimme landen soll. So bekomme ich Energie in die Stimme, ohne zu schreien.

 

Ich bekam viel Lob von meinem Coach, aber es gab diesen Moment, als er mir eine Passage vorsprach, in dem ich dachte: „Wow! Genau so muss mein Buch klingen.“ Vorsichtig habe ich angeklopft, ob er es nicht einlesen könnte, und er hat Ja gesagt. Damit hatte ich zwei Probleme gelöst. Zum einen hatte ich nun mehr Zeit, meine Stimme zu entwickeln und zum anderen hat mein erster Titel einen männlichen Ich-Erzähler, der besser auch von einem Mann gesprochen werden sollte.

 

4.  Was man so Tonstudio nennt

Ein weiteres Problem zeigte sich bei der Probeaufnahme: Sie hatte trotz Soundshield viel zu viel Hall. Ich musste mir etwas überlegen, das den Schall schluckt, also den Raum „schalltrocken“ werden lässt. Die Wände mit Akustikschaumplatten zu bekleben, ging mir zu weit, denn ich möchte nur meine eigenen Titel einsprechen, danach soll wieder Schluss sein. Der gängige Tipp, sich eine Decke gespenstmäßig über Kopf und Mikro zu legen, erschien mir zu wenig hallschluckend und auch zu unbequem, wenn man lange lesen möchte. Genauso wie der Rat, sich in den Kleiderschrank zu setzen. Es sollte eine mobile Lösung sein, die sich bei Bedarf wieder entfernen ließ, und die hieß nach einiger Überlegung: OSB-Platten aus dem Baumarkt, auf die ich den Akustikschaum aufkleben konnte. An die unteren Kanten habe ich ein Vierkantholz geschraubt, damit sie etwas Stand bekommen, und in die Zimmerdecke Haken gedübelt, an die ich die Platten hängen konnte, damit sie nicht kippen. Auch direkt an die Wand habe ich noch Haken gedübelt und Bettdecken aus unserem Gästereservoir aufgehängt.

Okay, zugegeben, so einfach war es dann doch nicht. Die Platten hatte ich anfangs mit Füßen aus Holzleisten versehen und den Schaumstoff mit Sprühkleber fixiert. Die ganze Konstruktion hat exakt 24 Stunden gehalten. Dann kamen mitten in einer Aufnahme die Schaumstoffplatten auf mich zu und beim hektischen Versuch, sie irgendwie zu halten, sind alle drei OSB-Platten umgestürzt und ich war unter meinem Tonstudio begraben. Damit war vorläufig meine Frustrationstoleranzgrenze erreicht. Für die nächsten zwei Tage blieb die Tür zu meinem Arbeitszimmer geschlossen. Im zweiten Versuch habe ich dann den Akustikschaum mit Doppelklebeband fixiert, hat aber auch nicht gehalten. Erst Zwischenlegscheiben und Schrauben brachten den nötigen Halt, ich habe quasi den Akustikschaum einfach festgeschraubt. Und dann kam mir die Idee mit den Haken in der Decke statt der Füße.

Der ganze Spaß hat neben jeder Menge Nerven und vielen Stunden Arbeit ca. 80,- € für Material gekostet. Das Ergebnis konnte sich hören lassen. Eine Kabine von einem guten Quadratmeter Fläche, genug Platz zum Stehen und Gestikulieren. Sogar ein kleines Regal und der Notenständer passten rein. Der Soundshield war nun überflüssig, das schuf noch zusätzlich Platz.

Aber, na ja, das war noch immer nicht das Ende.

 

5.  Cubase ist nicht Photoshop

Wer sich schon mal an einem Cover oder Hintergründen für Textschnipsel mit Photoshop gewagt hat, weiß, dass es eine Weile dauert, bis man sich in die Funktionen eingearbeitet hat, aber dann hat man viele Möglichkeiten. Leider lässt sich nichts davon auf Audiosoftware übertragen. Die ersten Testaufnahmen habe ich mit Ableton eingesprochen, wollte das Bearbeiten probieren und bin dann – vielleicht sollte ich es nicht öffentlich zugeben – daran hängengeblieben, dass ich keine Undo-Funktion fand. Ohne Fehler rückgängig machen zu können, konnte ich keine Audiodatei bearbeiten. Also doch Cubase. Zum Glück gibt es wirklich gute Youtube-Videos direkt von Steinberg und auf Deutsch. Ich habe das erste Video geschaut, nochmal geschaut, ein wenig probiert und nochmal geschaut. Dann machte es Klick. Und so ging es weiter. Langsam habe ich mich vorgearbeitet und jedes Video so oft angesehen, bis ich die Inhalte sicher anwenden konnte. Ich wusste jetzt, wie man ein Projekt anlegt, Cubase mit dem Interface verbindet, eine Tonspur öffnet, ein Bus (Kanal) anlegt und Spur und Bus miteinander verbindet. Und dass man diese Dinge alle tun muss, bevor man aufnehmen kann. Zack – es klappte. Und ich gebe zu, das war ein wirklich erhebendes Gefühl, das gerne etwas länger hätte dauern dürfen. Doch bei der nächsten Testbearbeitung verabschiedete sich auf geheimnisvolle Weise mein Audiosystem auf dem PC. Es war einfach weg, wie von Geisterhand gelöscht, nicht mehr auffindbar. Und ohne Lautsprecher waren keine Aufnahmen möglich. Wie es zurückgekommen ist, kann ich nicht wirklich sagen. Ich habe mehr aus Verzweiflung als aus Überzeugung noch einmal das Interface angeschlossen, alles Schritt für Schritt eingerichtet und plötzlich ein winziges Häkchen über dem Lautsprechersymbol entdeckt. Draufgeklickt und zack, war es wieder da. Ich denke, das Interface hat es wiederbelebt. Oder so ähnlich.

Mein Sprecher Christian Denkers kam zu mir nach Hause, war von der kleinen Kabine ernsthaft beeindruckt – was mich nicht wenig gefreut hat – und endlich, endlich konnten wir die ersten brauchbaren Aufnahmen starten. Ein wirklich schöner Teil meines Hörbuchabenteuers begann.

 

6.  Cubase die Zweite

Gut, alle Youtube-Videos waren verinnerlicht, das Hörbuch im Kasten, jetzt mussten die Aufnahmen bearbeitet werden. Dafür reichten die Videos, die sich mehr auf Musik beziehen, leider nicht aus. Ich bekam professionelle Unterstützung von einem Freund, der Tontechniker ist. Er hat mir gezeigt, wie ich eine Datei bearbeiten kann und worauf ich achten muss. Hier ist es wie mit dem Schreiben. Man wird von Mal zu Mal besser, hört sich ein, hört immer mehr, lernt, was man überhaupt hören muss, und wird auch schneller. Für die ersten drei Minuten (ein Kapitel) habe ich zehn Stunden Bearbeitungszeit gebraucht, inzwischen schaffe ich es in 45 Minuten. Aber trotz Routine ist es gewaltig, wie viel Zeit so eine Audiodatei in Anspruch nimmt, bis man alle „Das-mache-ich-nochmal“, „Hust“, „Räusper“ und „Seitenwechsel“ rausgeschnitten hat. Ich hatte noch Glück, dass mein Sprecher Profi ist und eine gute Vorlage lieferte. Das hat trotz allem eine Menge Zeit gespart.

Tipps für die Bearbeitung kann ich hier nicht geben, weil ich Laie bin und mir das nicht anmaßen möchte. Aber schaut euch Youtube-Videos an und traut euch, Freunde zu fragen, vielleicht ist einer dabei, der sich mit Audiosoftware auskennt. Trotzdem hier ein paar Erkenntnisse, die ich gewonnen habe, ohne Anspruch auf fachliche Richtigkeit:

  • Nicht alle Atmer entfernen, dadurch bleibt die Stimme menschlich und klingt hinterher nicht wie eine KI.
  • Damit man Schnitte nicht hört, auf beide Schnittseiten einen Fade legen.
  • Zu laute Atmer mit einem Fade leiser machen, wenn sie sich nicht rausschneiden lassen, ohne Silbenreste abzutrennen.
  • Wenn sich Schlusslaut und störender Atmer überkreuzen, den Atmer nur leiser machen, sonst hört man den Schnitt.
  • Mit einem „Gate“ kann man Rauschen und leise Störgeräusche auf einmal eliminieren. Die Software schaltet auf Stille, wenn eine eingestellte Dezibelzahl unterschritten wird. Das spart viel Arbeit. Aber Vorsicht, wenn man die Grenze nicht sauber setzt, fliegen auch leise Schlusslaute mit raus.
  • Eine Sprechstimme sollte weniger dynamisch sein, d.h. kleinere Amplituden haben. Das erreicht man mit einem Kompressor.

 

7.  Der Anfang ist Musik

Nun, vielleicht braucht man es nicht zwingend, aber ich wollte gerne den Eingangstext mit einem Intro untermalen. Auf der Suche nach einem geeigneten Musikstück bin ich über eine neue Hürde gestolpert und die heißt GEMA. Lizenzgebühren können die Produktionskosten absurd steigen lassen. Zwar gibt es Musikstocks, bei denen man relativ kostengünstig und in großer Auswahl Musiktracks kaufen kann, man muss aber genau auf die Lizenzen achten, und dass ein Künstler seinen Titel nicht nachträglich bei der GEMA anmelden kann. In dem Fall würden doch noch Gebühren fällig werden. Ich habe mich entschlossen, ein Stück produzieren zu lassen. Der Kopfkino-Verlag bietet dieses an. Dort habe ich ein Intro mit meinem Wunschtitel in toller Klangqualität bekommen, das ich mehrfach verwenden kann, und das wirklich schön gelungen ist.

 

8.  Wie kommt mein Hörbuch in die Welt?

Als SPlerin arbeite ich standardmäßig mit Distributoren zusammen. Im anfangs erwähnten eBook habe ich viele Tipps für Hörbuch-Distributoren gefunden. Es ist aber genauso wie bei Photoshop – Cubase nicht wirklich das Gleiche, ein Audiobook hochzuladen wie ein eBook. Angesichts des schon bewältigten Arbeitsanfalls wollte ich es mir hier etwas leichter machen und habe nach einem Hörbuchverlag gesucht, der es für mich in den Handel bringt. Fündig wurde ich bei Miss Motte Audio. Marlene Rauch bietet diesen Service zwar nicht explizit an, aber fragen kostet nichts, dachte ich, und schrieb ihr eine Mail. Mit ihr habe ich nicht nur einen Distributor mit guten Konditionen gefunden, ich konnte ihr auch eine Probe meiner Aufnahme rüberreichen und sie hat mir ein Feedback gegeben. Das war goldwert für mich, auch wenn es bedeutet hat, dass wir die gesamte Aufnahme wiederholen und ich noch einmal zu meinem Tontechniker gehen musste, um mir Rat zu holen, z.B. damit man „Schnitte nicht hört“. Ihre Kritik hat mich darin ein gutes Stück vorangebracht, ein qualitativ gutes Hörbuch zu produzieren und einschätzen zu können, wo es noch mangelt. Darüber hinaus kann ich das „Mastering“, also die Schlussbearbeitung, bei ihrem Tontechniker machen lassen, was mir garantiert, dass das Endprodukt die technischen Anforderungen der Online-Shops erfüllt und in einwandfreiem Zustand beim Hörer landet.

 

9.  Fazit

Würde ich es wieder tun? Ja, auf jeden Fall. Inzwischen ist ein halbes Jahr vergangen, Cubase geht mir gut von der Hand und mein Stimmcoaching ist vorangekommen. Den Arbeitsaufwand hatte ich völlig unterschätzt, deshalb hätte ich mir im Rückblick mehr Zeit einkalkulieren sollen. Mein Weihnachtsbuch war nicht pünktlich zur Saison im Handel, es wird erst in diesem Jahr startklar sein.

Würde ich empfehlen, das Hörbuch selbst einzusprechen? Nur, wenn Zeit für dich nicht Geld ist. Wer vom Schreiben lebt, sollte es sich gut überlegen, ob er/sie sich den zeitlichen Aufwand leisten kann und vielleicht besser produzieren lassen.

Den eigenen Text mit meiner physischen Stimme dem Leser zu präsentieren ist eine spannende und wie ich finde auch sinnliche Erfahrung, die mir eine neue Ebene meines Autorinnen-Daseins öffnet. Man kann sagen, ich bin auf den Geschmack gekommen, und da ich das Equipment jetzt schon mal habe, auch gleich gemeinsam mit meiner Lektorin Susanne Bienwald unter die Podcaster gegangen.